Willms Gymnasium

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“Wir haben verziehen, aber nicht vergessen.”

21.09.22 | Weser Kurier

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Der Holocaustüberlebende Ivar Buterfas-Frankenthal erinnert an die Gräueltaten des Nationalsozialismus. Der 89-Jährige berichtete am Delmenhorster Willms-Gymnasium von seiner Vergangenheit und mahnte Schüler.

“Als ich acht Jahre alt war und mich mit meiner Familie im Untergrund versteckte, hörte ich Soldaten oben an der Oberfläche hacken und singen”, sagte Ivar Buterfas-Frankenthal. Der Holocaustüberlebende berichtete gemeinsam mit seiner Frau Dagmar im Delmenhorster Gymnasium an der Willmsstraße von seinen Erinnerungen an Kriegszeiten. “Ich hatte keine Kindheit, keine Jugend und keine Schulzeit – ich musste direkt erwachsen werden”, erinnerte er sich. Mehr als 100 Zehntklässler versammelten sich an diesem Dienstag reihenweise in der Aula und lauschten seinen Worten. Die Erzählungen von dem Schicksal seiner Familie berührten die Schüler sichtlich.

Geboren wurde Buterfas-Frankenthal am 16. Januar 1933 in Hamburg. Seine Mutter war Christin, sein Vater Jude. Nur wenige Tage nach seiner Geburt verwandelte Adolf Hitler als Reichskanzler Deutschland in eine Diktatur. Juden wurden verfolgt und brutal ermordet, erklärte er und hielt einen kurzen Moment inne: “Mein Vater wurde 1934 ins Konzentrationslager Esterwegen eingewiesen.” Seine Mutter konnte mit ihm und seinen Geschwistern der Deportation entgehen.

Vom Schulleiter gedemütigt

Im Jahr 1938 wurde Buterfas-Frankenthal eingeschult. Kurz darauf musste er die Schule wieder verlassen, weil er „Halbjude“ war. Das wurde ihm als Kind vor zahlreichen anderen Kindern mitgeteilt. Er wurde gedemütigt. “Du verschwindest sofort von unserem Schulhof und wirst nicht mehr unsere Luft verpesten“, schrie ihn damals der Schuldirektor an. Eine Gruppe von älteren Schülern verfolgte Buterfas-Frankenthal auf dem Weg nach Hause. Sie hielten ihn fest und brannten ihm ein Loch in sein Bein, sagte der heute 89-Jährige: “Sie haben mich auf ein Eisengitter gedrückt und unter mir liegenden Papiermüll angezündet.” Dabei riefen die Täter, dass sie die “Judensau rösten werden”.

Fassungslosigkeit stand den zuhörenden Jugendlichen förmlich ins Gesicht geschrieben – keiner der Heranwachsenden tuschelte, verließ den Raum oder schaute aufs Handy. Stille herrschte in dem Saal des Delmenhorster Gymnasiums. Buterfas-Frankenthal ist einer der letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus, der von den Taten der NS-Herrschaft berichtet. Die meisten anderen sind bereits gestorben oder können nicht darüber sprechen, erzählt der Holocaustüberlebende.

“1942 passierte bei einer grausamen Sitzung aller Nazigrößen das Schlimmste”, fuhr Buterfas-Frankenthal fort. Auf der Wannseekonferenz wurde der Holocaust beschlossen und organisiert. Dank der Hilfe eines damaligen Freundes der Familie, gelang es seiner Mutter mit ihren Kindern rechtzeitig zu flüchten. “Wir flüchteten zu Fuß und versteckten uns ein Jahr lang auf einem Gutshof”, so Buterfas-Frankenthal. Als die Lage dort auch zu unsicher wurde, gingen sie zurück nach Hamburg: “Wir lebten in verschiedenen Kellern von zerstörten Häusern.”

Veranstaltungen als Befreiungsschlag

Woher nimmt ein Mensch Tag für Tag unter solchen Umständen die Kraft weiterzuleben? “Wir haben einander immer wieder Hoffnung gemacht – und eines Tages haben wir es geschafft”, erklärte der gebürtige Hamburger auf Nachfrage einer Schülerin. Er sei durch die Hölle gegangen und hat auch Jahrzehnte nach dem Krieg vor Albträumen nicht mehr schlafen können: “Ich kam nicht mehr klar.” Um Frieden zu finden und die Geschehnisse zu verarbeiten, leistet Buterfas-Frankenthal Erinnerungsarbeit. Er hat Bücher veröffentlicht und hält Vorträge: “Wir haben verziehen, aber nicht vergessen.” Seit mehr als 30 Jahren ist er unterwegs und berichtet in Schulen von den Grauen des Nationalsozialismus. Jede einzelne Veranstaltung sei für ihn ein Befreiungsschlag: “Heute bin ich stolz darauf, ein Deutscher zu sein.” Denn das Land habe sich toll entwickelt und wegzuziehen, habe er sich nie vorstellen können. Für sein Engagement wurde der 89-Jährige bereits mit mehr als 30 internationalen Orden und Preisen geehrt. Auch das Verdienstkreuz Erster Klasse wurde ihm verliehen.

“Die Vergangenheit darf aber nicht niemals vergessen werden”, appellierte Buterfas-Frankenthal. Niemals dürfe man aufhören, an die Gräueltaten zu erinnern. Deshalb wird der Holocaustüberlebende so lange wie er noch kann weiter mahnen: “Auch heute ist der Antisemitismus nicht vorbei.”