Das Willms-Gymnasium in Delmenhorst ist auf den Hund gekommen. Seit einem halben Jahr sitzt auf der Bank vor dem Schulsekretariat ein übergroßes Plüschtier namens Fluffy und animiert dort wartende Schüler zum Kuscheln. Laut Schulleiter Stefan Nolting kommt der nicht nur bei den Jüngsten aus dem fünften Jahrgang gut an, sondern auch bei den Großen. Gleiches gilt für den zweiten Hund der Schule, der erst vor einer Woche am Willms eingezogen ist. Anders als Fluffy hat dieser kein Fell, denn es ist ein „Robo-Dog“.
Der hochwertige Roboterhund des internationalen Herstellers Unitree wohnt im neuen „AI Edu Space“, den das Gymnasium derzeit einrichtet. Die Schüler sollen dort einen Raum finden, in dem sich alles um Künstliche Intelligenz (KI) dreht. Finanziell unterstützt wird die Einrichtung vom Deutschen Kinderhilfswerk mit 10.000 Euro. Ein Teil des Geldes floss in die Anschaffung des Robo-Dogs, der eine fünfstellige Summe gekostet hat. Weitere 10.000 Euro steuerte die LzO-Stiftung bei. „Aus unserem Schuletat hätten wir uns das nicht wuppen können“, sagt Nolting. Er dankt der Stiftung für die Wertschätzung, die sie mit ihrer Spende seinen Schülern zeigt.
Bei den Schülern kommt diese Wertschätzung gut an. „KI muss man sichtbar machen und anfassen können“, sagt der 17-jährige Ilon Youssef aus dem zwölften Jahrgang. Für ihn verkörpert der Robo-Dog genau das. Mit dieser Sicht steht er nicht allein. Beim Gang mit dem noch namenlosen Roboterhund durch die Schulflure wirkt er wie ein Magnet auf die Schüler, die gerade Pause haben. Er wird umringt. Arne Renz, Obmann für kollaboratives Lernen am Willms, spricht vom großen Staunen, dem dann aber schnell die Fragen folgen. „Können wir ihn auch programmieren?“, erzählt er.
Auch wenn der Roboterhund auf den ersten Blick wie ein Spielzeug wirkt, das Spaß bringt, es zu steuern, ist er das nicht. Er ist auch nicht speziell für Schulen entwickelt. „Er wird unter anderem in Rettungsszenarien eingesetzt“, erläutert Renz. Er verweist auf die Suchlampe am Kopf des Hundes, die angeschaltet werden kann.
Bereits in der Grundversion kann der Robo-Hund jede Menge Befehle ausführen. Diese reichen von Pfötchengeben über Handstandmachen bis hin zum Formen eines Herzens mit den Vorderpfoten. Die Eingabe erfolgt über eine Fernsteuerung. „Doch die Fernbedienung reizt sich irgendwann aus“, meint Renz. Die Möglichkeiten danach seien aber beachtlich. Denn die Schule habe bewusst die teurere Ausführungsvariante angeschafft, „um mehr damit machen zu können“, so Renz.
Eingesetzt werden soll der Robo-Dog in allen Jahrgängen – von der fünften bis zur 13. Klasse – sowie in der Hochbegabtenförderung, erklärt der Schulleiter. Zum einen sollen die Schüler an ihm Programmieren lernen. So könne er theoretisch sprechen, man müsse ihm dies nur beibringen. Doch auch in anderen MINT-Fächern, wie Physik, kann der Hund genutzt werden. Beispielhaft nennt Nolting das Abstandsmessen, das über den Lidar-Sensor am Kopf erfolgt. Auch Renz fallen jede Menge Beispiele ein, was im MINT-Bereich mit dem Roboter alles gemacht werden kann: „Man könnte das gesamte Schulgelände ausmessen und dann auswerten.“
Als weiteres Einsatzgebiet nennt Renz abstraktere Themenfelder, wie die Frage nach der Robustheit, Zuverlässigkeit und Effizienz: „Lohnt es sich, so etwas aus China zu holen?“ Auch im Hinblick auf die sich wandelnde Arbeitswelt soll der Roboterhund eine Hilfestellung bieten. „Wir sind eine alternde Gesellschaft. Hier kommt die Mensch-Maschinen-Interaktion ins Spiel“, so Renz. Darin stecken philosophische Themen, die mit den Schülern ebenfalls besprochen werden sollen.
Der stellvertretende Schulleiter Klaas Wiggers berichtet von einem Vortrag aus seinem KI-Kurs in der Oberstufe, in dem es darum ging, dass Maschinen menschliche Eigenschaften zugewiesen werden: „Das ist ein typischer menschlicher Mechanismus. Das birgt Chancen und Risiken.“ Wiggers denkt etwa an Roboter in Altenheimen, was unter seinen Schülern kontrovers diskutiert wird. Sind die alten Menschen dadurch nicht mehr einsam?
Doch nicht nur von den Lehrern soll vorgegeben werden, was mit dem Robo-Dog passiert. Der Input soll auch von den Schülern kommen – und das ist bereits passiert. „An mich wurden schon die ersten Projektideen herangetragen“, sagt Renz. Die hochwertige Technik werde gutiert, ist er überzeugt: „Und der Umgang ist achtsam.“
Dass dennoch auch einmal etwas kaputt gehen kann, dessen ist sich der Schulleiter bewusst. Deshalb auf eine solche hochwertige Anschaffung zu verzichten, kommt für Stefan Nolting nicht infrage. Denn sein Ziel ist es: „Schule soll ein Ort der Träume sein.“