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Karl Graf Stauffenberg: Ein Name als Erbe und Bürde

13.05.19 | NOZ/Delmenhorster Kreisblatt

Vorherige Pressebeiträge

Durch seine Familiengeschichte ist ihm Aufmerksamkeit gewiss: Doch nur auf das historische Erbe will sich Karl Graf Stauffenberg als Enkel des Hitler-Attentäters nicht reduziert sehen. Deswegen setzt er sich mit einem Verein gegen jede Form von Extremismus ein.

Der Name Graf Stauffenberg besitzt große Strahlkraft. Das misslungene Hitler-Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg gilt als eines der Symbole des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur in Deutschland. Als am Montagmorgen dessen Enkel, Karl Graf Stauffenberg in der Aula des Willms-Gymnasiums für das Begegnungen-Format zu Gast war, fanden sich rund 320 Zuhörer im Saal ein, um dessen Vortrag zum Thema „Widerstand – mein Großvater – sein Vermächtnis für mich“ mitzuerleben.

Unzufriedenheit mit der Statistenrolle

Doch wer einen reinen Lobgesang auf die Taten des Großvaters und die Bedeutung für die deutsche Geschichte erwartete, der irrte. In seinem Vortrag gewährte Karl Graf Stauffenberg auch Einblicke in seine eigene Vergangenheit, wie er versuchte, sich diesem Familienerbe zu entziehen. „Ich bin ein Mensch, nicht der Enkel oder das posthume Zeugnis eines Helden“, wollte er sich mit einer Statistenrolle nicht abfinden. Genau auf die Rolle sei er jedoch oft reduziert worden. Schon in der Schule hätten die Lehrer seinen Namen als erstes gekannt, immer wieder habe er ein Referat über das Attentat am 20. Juli 1944 halten sollen; das alles verbunden mit dem Gefühl: „Von mir wurde mehr verlangt.“

Polemik vom rechten Rand als Weckruf

Spätestens, als mit dem Zuzug geflüchteter Menschen im Jahr 2015 auch die politische Rechte an Lautstärke, Gehör und Zustimmung gewann, setzte bei Karl Graf Stauffenberg eine neue Erkenntnis in Bezug auf seine eigene Rolle ein. „Das war verdammt egoistisch“, bilanzierte er selbstkritisch. Parteien am rechten Rand hätten sich einer Polemik bedient, die einem demokratischen Diskurs nicht gerecht werde. Und auch wenn er die Partei nicht beim Namen nennen wollte, wurde spätestens mit dem Kommentar „sie sind keine Alternative“ klar, dass er sich vor allem auf die Alternative für Deutschland (AfD) bezog. Doch es sei nicht nur das politische Gebilde gewesen, das den Nordbayern erschreckte. Auch Äußerungen in den sozialen Medien hätten mit Artikel 1 des Grundgesetzes, der unantastbaren Würde des Menschen, nichts mehr zu tun. „Seitdem gibt es eine Masse an grauenvollen Kommentaren“, beklagte er. Diesem Diskurs am rechten Rand habe die Mitte der Gesellschaft nur gebannt entgegengeblickt und diese Personen nicht mit demokratischen Mitteln angegriffen-

Vereinsgründung gegen jeden Extremismus

Es ist allerdings nicht nur die extreme Rechte, vor der Karl Graf Stauffenberg sein Publikum eindringlich warnte. Genauso zählte er Linksextremismus, religiösen Extremismus oder – und das als liberaler FDP-Politiker – den Neoliberalismus zu den Aspekten, die eine freie Gesellschaft gefährdeten. Eben darauf aufmerksam zu machen, sei das Anliegen des von ihm im Jahr 2016 gegründeten Vereins „Mittendrin statt extrem daneben.“ Mit Blick auf die politischen Extreme sagte er: „Beide Seiten haben nicht das Ziel einer freien Gesellschaft.“ Für die sei es essenziell, dass jeder sein könne, sagen dürfe und zu sein versuchen dürfe, was er möchte. Dazu zähle auch, falsch liegen zu dürfen oder Fehler zu machen. Oder kurz gesagt: „Wir sind so frei, dass wir die Verantwortung für uns selbst übernehmen müssen.“ Verantwortung für sich selbst und das nähere Umfeld seien der Preis eben dieser Freiheit.

Enkel weiß vieles über den Tod des Großvaters nur aus Drittquellen

Hier schließt sich auch der Kreis zu seiner Familiengeschichte und dem misslungenen Hitler-Attentat seines Großvaters, das diesen selbst das Leben gekostet hatte. Vieles wisse er selbst nur aus Drittquellen, die Großmutter, als Witwe traumatisiert durch den Tod des Mannes und die Inhaftierung in einem Konzentrationslager, sei bei dem Thema verschlossen und einsilbig gewesen. Was man jedoch von der Geschichte Claus Schenk Graf von Stauffenbergs lernen könne: „Ein eigenes Gewissen und eine eigene Moral zu haben“. Der größte Held für ihn sei übrigens Georg Elser, der bereits 1939 ein Attentat auf die NS-Führung verübt hatte. Eben solche Figuren seien „für die innere Seele der Gesellschaft gut“. Aus diesem „grauenhaften Teil der Geschichte“ erwachse jedoch eine Verantwortung der deutschen Gesellschaft – und damit auch bei ihm selbst –, der Welt zu zeigen, dass Rechtsextremismus genauso wie „totaler Sozialismus“ kein erstrebenswertes System sei. „Wir sind mit der sozialen Marktwirtschaft seit 1949 gut gefahren“, sagte Karl Graf Stauffenberg.

Von Stauffenbergs Liebe zum Königreich

Gegen die politische wie historische Vereinnahmung seines Großvaters setzte er sich gleichwohl zur Wehr – und das gleich zu Beginn seines Vortrages. Ohne Umschweife bekannte der Enkel, dass Claus Schenk Graf von Stauffenberg national eingestellt und keineswegs Demokrat – wenn auch nicht Nationalist – gewesen sei. „Er hat das Königreich kennen und lieben gelernt“, sagte er. Doch diese Haltungen dürften nicht aus einem heutigen Werteverständnis heraus gesehen werden, das es zu dieser Zeit noch gar nicht gegeben habe. „Der erste Demokratieversuch, die Weimarer Republik, ist total in die Hose gegangen“, merkt Karl Graf Stauffenberg noch an. Freiheit, Wohlstand, ein freiwilliges Zusammenleben und Agieren mehrerer Nationen wie in der Europäischen Union seien damals undenkbar gewesen; zumal ein Soldat unpolitischer Befehlsempfänger gewesen sei. Entsprechend müsse die Politisierung seines Großvaters auch verstanden werden. „Wer sagt: Ich kann ihn als Held nicht verehren, der hat die Geschichte nicht verstanden.“