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DDR-Ausstellung im Willms: Was DDR-Zeitzeuge Rainer Dellmuth von Delmenhorster Schülern fordert

22.04.22 | NOZ / Delmenhorster Kreisblatt

Vorherige Pressebeiträge

Rainer Dellmuth war einer von über 200.000 politischen Gefangenen in der DDR. Schülern des Willms hat er von seinem Leben in der SED-Diktatur erzählt.

„Die Erlebnisse von damals haben mein ganzes Leben beeinflusst“, erzählt Rainer Dellmuth während der Eröffnung der Ausstellung „DDR – Mythos und Wirklichkeit“ am Willms Gymnasium. Der heute 73-Jährige saß während seiner Jugend zweimal in ostdeutschen Gefängnissen.

Haft hinterlässt Spuren bei Dellmuth

Zum ersten Mal fiel Dellmuth dem Ministerium für Staatssicherheit der SED-Diktatur während seiner Buch- und Flexodrucklehre im Berliner Grenzgebiet auf. Damals war er 18 Jahre alt und wurde aufgrund von Äußerungen gegenüber einer Arbeitskollegin von der Stasi beobachtet. 1967 wurde Dellmuth das erste Mal festgenommen und wegen „versuchter Republikflucht“ und „staatsgefährdender Hetze“ zu einem Jahr Haft verurteilt. „Aus dieser Zeit habe ich bis heute Traumata. Die Vernehmungen, die Gefangenentransporte in engen Zügen. All das hat Spuren hinterlassen“, erzählt Dellmuth.

Bis heute leide er unter Schlafstörungen. Im Gefängnis wurde Dellmuth gezwungen, „wie eine Mumie auf dem Rücken zu schlafen“. Er erzählt: „Stellen Sie sich vor, sie werden 24 Stunden überwacht, dürfen nicht mehr schlafen, wann Sie wollen oder wie Sie wollen. Wir waren zwölf Leute in einer Zelle. Es gab keine Privatsphäre, selbst auf dem Klo haben einen elf Häftlinge angeguckt.“

Trotz Einreiseverbot in den Osten zurückgekehrt

Seine Meinung gegenüber der Diktatur ändert sich im Gefängnis nicht. Nach seiner Haft beendet er seine Lehre und beginnt sein Abitur nachzuholen. Allerdings plant er gleichzeitig mit einem Freund die Flucht, weshalb er 1971 wegen „versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts in besonders schwerem Fall“ erneut inhaftiert wird.

Im November 1972 wird Dellmuth schließlich ausgebürgert und in die Bundesrepublik ausgewiesen. „Das war wie eine Erlösung, dass ich endlich zu meinem Vater in den Westen durfte. Trotz zehn Jahre Einreiseverbot bin ich schon Weihnachten 72 mit meinem Vater zusammen zurück in den Osten gefahren, um gemeinsam mit meinen Eltern zu feiern. Das war ein unbeschreibliches Erlebnis“, sagt Dellmuth.

Heute engagiert sich Dellmuth als Referent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. „In der Schule kommt das Thema Nachkriegszeit meiner Meinung nach zu kurz“, sagt der 73-Jährige, der eigentlich Lehrer für Deutsch und Geschichte werden wollte. Für die Gesellschaft gibt es laut Dellmuth heute wichtigere Dinge als Geschichte, obwohl „die Geschichte ein Spiegelbild der Gegenwart ist“.

Geschichte ist besonders für junge Menschen wichtig

Dies müsse unbedingt geändert werden. Die Besucherzahlen der Gedenkstätte in Hohenschönhausen geben Dellmuth Hoffnung, dass sich die Menschen auch in Zukunft mit der Geschichte der Diktatur in Ostdeutschland auseinandersetzen wollen. „Dazu gehört auch, die DDR als das zu bezeichnen, was sie war. Das demokratisch im Namen täuscht. Die DDR war eine Diktatur und Diktaturen bedeuten immer Unterdrückung“, erklärt Dellmuth.

Die Aufarbeitung der Geschichte soll auch durch die Ausstellung im Willms Gymnasium unterstützt werden. Es sei wichtig, zwischen Wahrheit und Mythos zu unterscheiden. In der Ausstellung werden verschiedene Mythen über die DDR genauer unter die Lupe genommen. Auf diversen Texttafeln wird erläutert, wie die wirtschaftliche Lage unter der SED tatsächlich war. Denn das Land gehörte keineswegs zu einem der zehn größten Industriestaaten, wie damals häufig behauptet wurde.

Gerade für junge Menschen ist die Auseinandersetzung mit Geschichte laut Dellmuth besonders wichtig. „Bitte passt besonders gut auf, denn nur wer aus der Geschichte lernt, kann die Zukunft positiv verändern“, appellierte er an die anwesenden Schüler. Er habe in der DDR am eigenen Leib erfahren, was auch heute noch üblich ist: „Die junge Generation muss die Fehler der Älteren ertragen und ausbügeln.“

Ausstellung kann kostenlos besucht werden

Das Willms Gymnasium lädt alle Schulen herzlich zu einem Besuch der Ausstellung „DDR – Mythos und Wirklichkeit“ von der Konrad-Adenauer-Stiftung ein. Ab 13.15 Uhr kann laut Willms unter der Woche auch die Öffentlichkeit einen Blick auf die Ausstellung an der Königsberger Straße 65 werfen, die die Auseinandersetzung mit und Diskussion über die DDR anregen soll. Sie geht noch bis zum 13. Mai. Die Schule bittet Besucher sich vorher telefonisch beim Sekretariat der Außenstelle unter (04221) 5867650 anzumelden.