Willms Gymnasium

Gymnasium an der
Willmsstraße
27749 Delmenhorst
Tel.: 04221/14671

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Interview mit Stefan Nolting Die Not des größten Gymnasiums

19.02.19 | Weser Kurier

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An diesem Mittwoch, 20. Februar, will der Delmenhorster Stadtrat die Schulentwicklungsplanung auf den Weg bringen. Er will nicht nur die Realschule erhalten, sondern auch das Gymnasium an der Willmsstraße.

Waren Sie schon mit einem Zollstock an der Königsberger Straße, um die neue Außenstelle des Gymnasiums an der Willmsstraße zu vermessen? Immerhin ist realistisch davon auszugehen, dass der zuletzt politisch favorisierte Vorschlag zur Gestaltung der Delmenhorster Schullandschaft an diesem Mittwoch vom Rat angenommen wird.

Stefan Nolting: Ich denke, dass es an der Königsberger Straße für uns als Gymnasium funktionieren kann. Allerdings nur, wenn zum 1. August 2020 der erste Bauabschnitt komplett beendet ist. Und das bedeutet: Er muss voll umfänglich beendet sein, wenn wir wegen G9, also dem Abitur wieder nach 13 Schuljahren auch an den allgemeinbildenden Gymnasien, mit einem Schlag einen Jahrgang mehr an der Schule unterrichten.

Was bedeutet das?

Immerhin unterrichten wir an der Außenstelle in zwei Jahrgängen circa 320 Schüler. Das bedeutet, dass neben den Klassenräumen auch die notwendigen Fachräume vorhanden sein müssen. Nachgedacht werden sollte aber auch über weitere Angebote, die in die heutige Schullandschaft gehören, ich umschreibe hiermit Mensa und Cafeteria. Die naturwissenschaftlichen Fach- und die Computerräume müssen anders als jetzt ausgestattet sein. Wir werden – sollte die Königsberger Straße Außenstandort werden – dort unseren neunten und zehnten Jahrgang unterbringen. Das bedeutet, wir müssen diese Schüler fit für Oberstufe und Abitur machen – und der zehnte Jahrgang ist auch an einem Gymnasium ein Abschlussjahrgang. Das Kerncurriculum schreibt da einige Notwendigkeiten schlicht und einfach vor, das ist auch ein Punkt, den der Schulträger, also die Stadt, umsetzen muss. Die Vorbereitung auf das Abitur geht aber nur, wenn die Räume auch entsprechend ausgestattet sind. Im Hauptgebäude an der Willmsstraße leiden wir heute schon zunehmend unter fehlenden Differenzierungsräumen, also kleineren Räumen für Gruppenarbeiten. Es wäre so gesehen schön, wenn hier die Außenstelle entsprechend den heutigen pädagogischen Erfordernissen gestaltet werden könnte.

Eigentlich werden doch in den Satelliten die Kleinsten beschult, also der fünfte und der sechste Jahrgang.

Das können wir aus einem einfachen Grund meiner Meinung nach nicht machen: Sportunterricht. Die Schüler müssen dafür immer zur Stadionhalle fahren. Das wollen wir den Fünft- und Sechstklässlern aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht zumuten.

Bauprojekte derart schnell umzusetzen, war in der jüngeren Vergangenheit definitiv keine Stärke der Stadt. Glauben Sie trotzdem, dass es klappt?

Ich bin sehr gespannt, ob das funktioniert, denn es sind nicht einmal mehr eineinhalb Jahre Zeit. Und Fachfirmen, die einen solchen Umbau beherrschen, gibt es nicht besonders viele. Aktuell sind die meisten von ihnen stark ausgelastet, sie werden also sehr wahrscheinlich nicht umgehend mit den Bauarbeiten anfangen können. Insgesamt besteht hinsichtlich der Bausubstanz an der Königsberger Straße erheblicher Renovierungsbedarf, das zeigen ja überdeutlich die vom Schulleiter der Oberschule Süd bereits angezeigten unmittelbaren Renovierungsnotwendigkeiten.

Die Verwaltung hatte in der von ihr favorisierten Variante vorgeschlagen, dass Ihre Außenstelle in das Gebäude der Realschule an der Lilienstraße zieht. Der politische Mehrheitswille sieht dagegen vor, dass diese Realschule zukünftig wieder eigenständig sein wird. Die Königsberger Straße ist aber doppelt so weit von der Willmsstraße entfernt wie die Lilienstraße. Ist das in Ihren Augen ein Problem?

Ja. Ich fand die Idee der Verwaltung, den Außenstandort des Willms in die Räume der zweitbeliebtesten Schule an der Lilienstraße zu bringen, durchaus nachvollziehbar. Doch das ist aktuell politisch anscheinend nicht umsetzbar. Gut, die Lösung an der Königsberger Straße kann die G9-Problematik zumindest räumlich heilen. Aber dieser Beschluss bedeutete unter anderem, dass ich meine Lehrerstunden anders planen muss, weil niemand in einer Fünf-Minuten-Pause den Standort wechseln kann. Das wird in der Konsequenz sicherlich dazu führen, dass ich nicht mehr wie aktuell 116 Lehrerstunden an Grund- und Oberschulen abordnen kann. Von diesen Stunden bleibt nicht viel übrig, das müsste der Rat mit diesem Entschluss in Kauf nehmen.

Die große Liebe scheint ein Außenstandort Königsberger Straße nicht zu sein.

Um es auf den Punkt zu bringen: Jede Außenstellenlösung beeinträchtigt das Schulleben. Jede Außenstellenlösung führt zu Beeinträchtigungen zu Lasten von Schülerinnen und Schülern, Eltern, aber auch vor allem der betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Jede Außenstellenlösung stellt einen Kompromiss dar zwischen pädagogischen Erfordernissen und finanziellen Möglichkeiten. Von daher kann ich mit dieser Lösung nicht glücklich sein, zumal wir durch den aktuell zu erwartenden Ratsbeschluss strukturell massiv benachteiligt werden. Aber: Wir müssen uns dem beugen und somit die Leichtfertigkeit, mit der in der Politik das Thema G9 in den vergangenen zehn Jahren nicht behandelt wurde, auffangen. Das ist die normative Kraft des Faktischen. Ich betone auch: Die Entscheidung liegt beim Souverän, das ist der Stadtrat. Allerdings lag die Möglichkeit, eine Schulstrukturpolitik auf den Weg zu bringen, schon in den vergangenen 15 Jahren und länger beim Rat. Manchmal habe ich mich in den letzten Monaten als Schulleiter in den Landkreis Oldenburg gewünscht. Dort muss bis Ostern 2019 keine grundlegende Entscheidung mehr getroffen werden. Dort sind bereits Ende 2018 alle zusätzlichen Baumaßnahmen hinsichtlich des zusätzlichen Raumbedarfs wegen G9 bereits realisiert. Felix Oldenburgiensis.

Haben Sie bereits einen Plan B in der Schublade liegen, falls sich abzeichnet, dass das Willms am 1. August 2020 nicht sicher die neue Dependance beziehen kann?

Dass die entscheidenden Gremien einen Plan B haben, hoffe ich. Der Schulleiter des Willmsgymnasiums kann hier nur in seiner kleinen Welt Heilsalbe homöopathisch verteilen. Ich muss bis zum 1. Juni dieses Jahres eine Entscheidung treffen, nämlich wie viel Züge wir haben werden, also wie viele neue fünfte Klassen wir aufnehmen. Es ist bei uns jetzt schon so, dass der siebenzügige elfte Jahrgang rein aus Wanderklassen besteht, die keine eigenen Klassenräume mehr haben. Mit Blick auf G9 könnte ich bei Unklarheiten zukünftig erheblich weniger Schülerinnen und Schüler in die Jahrgänge fünf und elf neu aufnehmen als derzeit, zuletzt waren es immer 160 Schüler pro Jahrgang. Und das liegt nicht nur an der Zahl der Räume, die wir nicht haben. Wir reden mittlerweile darüber, ob wir es überhaupt noch schaffen, jedem Schüler einen Stuhl anzubieten. Auf all diese Herausforderungen haben wir seit circa sechs Jahren, also mit dem G9-Beschluss der Landesregierung, in detaillierten und schriftlichen Stellungnahmen immer wieder hingewiesen. Daher sind all diese Herausforderungen dem Souverän voll umfänglich seit Jahren bekannt.

Das Gespräch führte Andreas D. Becker.

Zur Person

Stefan Nolting (50)

leitet seit Februar 2012 das Gymnasium an der Willmsstraße, mit 1140 Schülern die derzeit größte allgemeinbildende Schule in Delmenhorst. Nolting mag englische Oldtimer, ist eingetragenes Mitglied bei Borussia Mönchengladbach und stammt aus der Nähe von Rinteln. Nolting war, bevor er ans Willms kam, bis 2010 Referatsleiter in der Staatskanzlei.