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Zeitzeugin zu Besuch im Leistungskurs Geschichte

24. Mai 2017 | Fachgruppe Geschichte

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Am 22.05.2017 hatte unser Geschichtsleistungskurs Besuch von einer Zeitzeugin. Frau Rosemarie Alber wurde 1939 in Groß Strehlitz geboren.

Sie berichtete von ihren Erlebnissen der Flucht und ermöglichte uns Einblicke in die Vergangenheit.

Ihr Vater war Soldat und bekam im Jahr 1945 Heimaturlaub. Da hieß es für die Familie, das Nötigste zusammenpacken und sich auf die Flucht vorbereiten. Gemeinsam mit drei Familien, darunter acht Erwachsene und sechs Kinder, machten sie sich mit Pferd und Wagen auf den Weg. Es war Januar und ziemlich kalt, zum Zudecken hatten sie nur Stroh. Während der Flucht haben sie bei hilfsbereiten Bauern übernachtet, alle in einem Raum. Sie hatten dort „Betten“ aus Stroh und bekamen Nahrung, meist Kartoffeln und Brot. Frau Alber bestätigte, dass auf der Flucht Menschen ihre Kinder einfach in Straßengräben legten und sterben ließen, wenn diese zu schwach wurden. Im Mai wurden sie kurz vor der Grenze von sowjetischen Soldaten aufgehalten. Sie bekamen Papiere und mussten zurück nach Groß Strehlitz, die Flucht war beendet.

Groß Strehlitz war mittlerweile polnisch, die Stadt war zerbombt und die Wohnungen ausgebrannt. Im Mai 1946 waren sie in Polen nicht mehr geduldet und wurden Zwangsausgewiesen. Sie bekamen erneut Papiere und wurden in Viehwagons abtransportiert. Niemand wusste wohin es geht.

Schlussendlich landete die Familie in Wildeshausen. Dort wurde ihnen ein Zimmer zur Verfügung gestellt, in dem sie mit fünf Personen leben mussten. Sie hatten kein Strom, kein Wasser und keine Heizung. Das Wasser bekamen sie aus einem nahegelegenen Brunnen. Außerdem war in diesem Zimmer nur ein Bett, ansonsten hatten sie wie zuvor auf der Flucht nur „Betten“ aus Stroh. Von netten Nachbarn wurden sie mit Suppen versorgt. Um Geld zu verdienen musste die Mutter schwere Arbeiten bei Bauern leisten, auch die Kinder mussten helfen.

In Wildeshausen Hatte Frau Alber eine Friseurlehrstelle bekommen, ihre Berufsschule war in Delmenhorst. Mit 21 Jahren ging sie dann in den Schwarzwald, dort heiratete sie und bekam einen Sohn.

Trotz der vielen Geschehnisse ist Frau Alber der Meinung, dass sie eine schöne Jugend hatte. Neid gab es zu der Zeit nicht viel, man war froh, dass man ein Dach über dem Kopf hatte.

Die Zeit hat sie für ihr Leben geprägt, sie weiß jetzt, dass man mit jeder Lage fertig werden kann. In ihre Geburtsstadt  Groß Strehlitz wollte sie nie zurück. Mit dem Begriff  „Heimat“ verbindet sie Wildeshausen. 2010 hat sie dann aber gemeinsam mit ihrer Familie den Fluchtweg besichtigt und alles wiedererkannt.

Die geschilderten Eindrücke waren schockierend. Zugleich hatten wir die Chance einer Zeitzeugin Fragen zustellen. Sie bestätigte Ergebnisse aus dem Unterricht und konnte uns darüber hinaus weitere Aspekte von Flucht und Vertreibung nahebringen und eindrucksvoll Einblicke in ihre Gefühlswelt liefern.

Lisa Rohrmann