Gymnasium an der Willmsstraße

Wolfgang Thierse wirbt für Demokratie in Delmenhorst

| NOZ / Delmenhorster Kreisblatt

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat das Gymnasium an der Willmsstraße besucht. Sein Vortrag „(M)Ein deutsches Leben“ beleuchtete seine Erfahrungen in DDR und BRD.

„Politikinteresse entsteht aus nur einem Grund. Aus der Erfahrung heraus, mit etwas nicht einverstanden zu sein“, sagt Wolfgang Thierse. Nicht einverstanden ist der ehemalige Bundestagspräsident oft. Angefangen mit der Vertreibung seiner Familie aus dem schlesischen Breslau bis hin zur Ausbürgerung des DDR-Liedermachers Wolf Biermann. Als Mitarbeiter des Kultusministeriums protestiert er gegen die Ausbürgerung und verliert darauf hin seine Arbeit. Über diese Erfahrungen und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten diskutiert Thierse im Rahmen der Vortragsreihe „Begegnungen“ mit rund 300 Schülern und Interessierten, darunter Oberbürgermeister Axel Jahnz.

Jahre der Wunder

„Die Jahre 1989 und 1990 waren für mich Jahre der Wunder und die spannendste Zeit meines Lebens“, erklärt der 74-Jährige. Thierse, der in der DDR parteilos war, tritt im Oktober 1989 dem Neuen Forum bei und wird im September 1990 zum Vorsitzenden der SPD in der DDR gewählt. 1990 wird er Mitglied des Deutschen Bundestages und 1998 Bundestagspräsident.

„Die DDR ist der Bundesregierung schnell beigetreten, die Annäherung dauert aber länger“, sagt er. Der Prozess der Vereinigung sei noch nicht abgeschlossen. Er erklärt: „Es gibt immer noch große Unterschiede zwischen West und Ost. Dazu zählen unter anderem Lohnunterschiede und die höhere Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern.“ Dennoch habe es keine Alternative zur Wiedervereinigung gegeben. „Als die DDR der Bundesrepublik beigetreten ist, waren die Gewichte klar verteilt. Die Bundesrepublik war der Lehrmeister und die neuen Bundesländer Lehrlinge“, sagt Thierse. Vor allem bei jungen Menschen sehe er aber eine positive Veränderung: „Menschen ziehen von Ost nach West und umgekehrt. Zusammen mit Migranten entsteht eine neue deutsche Mischung“, sagt er.

Lebhafte Debatte

Lehrer Sören Hopf und die Schüler Peer Hollmann, Katharina Wiltfang, Sahand Nemati aus dem elften Jahrgang sowie das Publikum greifen in der Podiumsdiskussion aktuelle Themen auf. Fragen der Digitalisierung, Globalisierung und der gesellschaftlichen Veränderungen durch Parteien wie die AfD zählen dazu. „Die AfD verkennt, dass der Wohlstand Deutschlands auf seiner Weltoffenheit beruht“,erklärt er gegenüber den Schülern. Seine Begeisterung für das demokratische Miteinander, sein waches Interesse an gesellschaftlichen Veränderungen und die vielen Fragen führen zu einer lebhaften Debatte. „Mich hält die Politik jung, weil ich immer Neues lerne“, sagt der ehemalige Bundestagspräsident.

Weitere Veranstaltungen

Unterstützt wird die Veranstaltung von dem Rotary Club Delmenhorst. Im Oktober wird die ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am Willms-Gymnasium mit den Schülern diskutieren.