Gymnasium an der Willmsstraße

Vortrag in Delmenhorst: Gysi will auf Bibel nicht verzichten

| NWZ

Mit Wortwitz brachte Gregor Gysi seine Zuhörer zum Lachen. Der Linken-Politiker sprach über die Bibel, die Fridays-for-Future-Debatte und sein eigenes rhetorisches Talent.

Das Forum im Willms-Gymnasium voll besetzt. Erwartungsfrohe Gesichter. Oberbürgermeister Axel Jahnz tritt ans Mikro. „Dr. Gregor Gysi, Sie können mich vielleicht gerade noch nicht sehen, aber wir freuen uns über ihren Besuch.“ Lachen im Saal. Denn der angesprochene Referent sitzt nach einer Verspätung jetzt in der ersten Reihe, direkt vor Jahnz. Gysi war zuvor fälschlicherweise in Hude aus dem Zug gestiegen. Eines von Gysis landläufig bekannten Zitaten raunt durch die Reihen. „Ich bin nicht klein, sondern kurz.“

Achte Begegnung

Im Rahmen der Reihe „Begegnungen am Willms“ hatte Schulleiter Stefan Nolting den Linken-Politiker auf Empfehlung von Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) eingeladen. Unter der Überschrift „Die Einheit, die ich meine“ spricht Gysi zu den 270 Zuhörern. Organisiert worden war die Veranstaltung von Schülern aus den elften Klassen. Unterstützt wurde sie durch das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufene Projekt „Demokratie leben“ sowie den Rotary-Club.

EU so gefährdet wie nie

Zuerst präsentiert die Schülerfirma ihr Begrüßungsvideo mit einem kurzen biografischen Abriss von Gysis Leben. Zwei Schülerinnen, Chiara Wedler und Marie Louise Wördehoff, sowie die betreuenden Lehrer Jan-Niklas Lühring und Jelena Jovicic moderieren im Anschluss die rund anderthalbstündige Veranstaltung und stellen immer wieder Fragen an Gysi. In seiner Rede sagt der Politiker: „Die Europäische Union war noch nie so gefährdet wie heute. Sie muss reformiert werden, darf nicht kaputt gehen.“ Er zählt die Vorteile auf: „Es gab bisher keine Kriege zwischen den Mitgliedsstaaten, außerdem ist die Jugend proeuropäisch. Alle sprechen gut englisch, sind es gewohnt, mal hier, mal da zu leben und zu arbeiten. Was sollen wir denen denn sagen, wenn all das nicht mehr möglich ist? Das wäre eine Zumutung.“

Delegation zu Merkel schicken

Apropos Jugend: „Was halten Sie von den Friday-for-Future-Demonstrationen?“, fragt Wördehoff. „Die Jugend hat sich erhoben. Und das ist gut so. Und dass sie nicht am Wochenende streikt, ist doch logisch. Ein Streik muss während der Arbeitszeit geschehen.“ Er schlägt vor: „Da muss mal eine Delegation zur Kanzlerin fahren und ihr eine Unterschrift abverlangen. Dann hat man was in der Hand.“ Applaus im Saal. Auch zum Thema Vorbilder äußert sich Gysi: „Zu einem Menschen wie Nelson Mandela schaue ich auf. So jemand fehlt uns heute. Jemand, an dem auch ein Donald Trump nicht vorbei kann.“

Die wichtigsten Dinge

Wedler fragt: „Auf welche drei Dinge könnten Sie in Ihrem Leben nicht verzichten?“ Gysi überlegt nicht lang: „Die Bibel. Ich glaube nicht an Gott, aber da stand schon früher alles drin. Auch der Schweinkram. Außerdem ist mir Freundschaft sehr wichtig. Und als drittes wünsche ich mir eine wunderschöne Natur als Umgebung.“

Über seine rhetorischen Fähigkeiten, die immer wieder hervorgehoben werden, sagt der 71-Jährige: „In meinem Beruf als Anwalt habe ich gelernt, mich sprachlich darauf einzustellen, wen ich vor mir habe. Ich finde es arrogant, so zu sprechen, dass es keiner versteht. Wir nennen uns doch Volksvertreter. Das müssen wir auch sein.“