Gymnasium an der Willmsstraße

Gregor Gysi in Delmenhorst: Einheits-Vortrag im Eiltempo

| Weser Kurier

Der FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war es zu verdanken, dass Gregor Gysi vergangenen Dienstag in der Vortragsreihe „Begegnungen am Willms“ im Delmenhorster Gymnasium zu Gast war. Die ehemalige Justizministerin hatte im vergangenen Jahr selber einen Vortrag am Willms gehalten und fand es so schön in Delmenhorst, dass sie die Vortragsreihe an ihren guten Bekannten Gysi weiterempfahl. So berichtete es der Schulleiter Stefan Nolting, der sich sehr darüber freute, dass die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ Leutheusser-Schnarrenbergers Früchte trug.

Ganz reibungslos verlief der Nachmittag für Gysi allerdings nicht – zunächst verpasste er seinen Anschlusszug am Hauptbahnhof in Hannover, dann stieg er nicht in Delmenhorst aus, sondern in Hude. Die Zuschauer im Forum des Willms bekamen derweil schon einmal einen von Schülern produzierten Videoeinspieler zu sehen, der den Lebensweg Gysis näher vorstellte. Als letzter Vorsitzender der DDR-Staatspartei SED, langjähriger Fraktionschef der PDS und der Linkspartei im Bundestag, Berliner Wirtschaftssenator und heutiger Vorsitzender der Partei der Europäischen Linken kann der Bundestagsabgeordnete vollkommen zurecht als Person der Zeitgeschichte bezeichnet werden. Besonders bekannt ist der 71-Jährige für seine Redekünste, für die er vom Fachbereich Rhetorik der Universität Tübingen ausgezeichnet wurde.

Mit einer guten Stunde Verspätung traf der Jurist schließlich am Gymnasium ein und wurde von Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) begrüßt. Sofort im Anschluss stellte Gysi sich ans Rednerpult, um seinen Vortrag zum Thema „Die Einheit, die ich meine“ zu halten. Er bemängelte, dass bei der deutschen Wiedervereinigung Fehler begangen worden seien. „Die Bundesrepublik konnte nicht aufhören zu siegen“, kritisierte er. Im wiedervereinigten Deutschland habe sich nichts an der Symbolik geändert, etwa die Nationalhymne oder die Fahne, alles sei von der Bundesrepublik übernommen worden. Dabei habe es durchaus Dinge gegeben, die in der DDR besser funktioniert hätten als in der BRD: Polikliniken, Kitas oder die Gleichberechtigung der Geschlechter, zählte Gysi auf.

Zum allgemeinen Erstaunen des Publikums beendete er seinen Vortrag bereits nach wenigen Minuten. Es folgte eine sehr kurzweilige und unterhaltsame Podiumsdiskussion, bei der die Lehrer Jelena Jovicic und Jan-Niklas Lühring sowie die Schüler Chiara Wedler und Marie-Louise Wördehof die Fragen stellten und Gysi immer wieder Witz und Schlagfertigkeit bewies.

Das Publikum erfuhr manches Detail über die Person Gregor Gysi, etwa dass er Bücher statt E-Books und Radio statt Spotify bevorzugt, aber auch seine politischen Ansichten kamen nicht zu kurz. Er erklärte sich als ausgesprochener Freund der Fridays-for-Future-Proteste und schlug vor, eine Delegation von Jugendlichen zu bilden, die mit der Kanzlerin konkrete Maßnahmen für den Klimaschutz verhandeln solle.

Die ökologische Frage möchte Gysi mit der sozialen Frage verbinden. „Soziales darf hier nicht ausgeklammert werden, Ökologie darf kein Privileg sein“, sagte er. Die DDR sei eine Diktatur gewesen, es habe dort keine Demokratie und keine Freiheit gegeben, er wies aber auch darauf hin, dass alle Bevölkerungsschichten einen guten Zugang zu Kunst und Kultur gehabt hätten. Dies würde er in der heutigen Bundesrepublik vermissen. Das Publikum begleitete seine Ausführungen immer wieder mit Applaus oder bei der Vielzahl von Gysis humorigen Bemerkungen auch mit Lachen.

Gefragt danach, welchen Politikern er das Forum am Willms weiterempfehlen würde, nannte er den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum und den früheren NRW-Innenminister Burkhard Hirsch, beide FDP. Schulleiter Stefan Nolting nannte noch einen dritten Namen, bei dem er Gysi um Kontaktaufnahme bat: Norbert Lammert (CDU), von 2005 bis 2017 Bundestagspräsident. Diesen habe Nolting angeschrieben, jedoch keine Antwort erhalten. Gysi signalisierte seine Unterstützung.