Gymnasium an der Willmsstraße

Der unbekannte Bürgermeister

| Weser Kurier

Wer war Otto Willms? Die Frage beschäftigt Lehrer und Schüler des Gymnasiums an der Willmsstraße seit einiger Zeit etwas intensiver. Über den Quasi-Namenspatron der Schule – in Delmenhorst werden Schulen von offizieller Seite eigentlich immer geografisch benannt, nach Personen fast nur nachträglich auf Eigeninitiave wie das Max-Planck-Gymnasium – ist nur sehr wenig bekannt. Die dürftigen Informationen über seine Person waren dabei das eine, das andere war, dass niemand wusste, wie Willms aussah. „Von ihm war kein Bild aufzutreiben“, sagt Direktor Stefan Nolting. Im Landesarchiv in Oldenburg: Fehlanzeige. Im Stadtarchiv: Fehlanzeige. Im Netz: Fehlanzeige.

Bis Klaas Wiggers, als Lehrer noch ziemlich frisch am Willms, wie das Gymnasium salopp in der Stadt genannt wird, und mit der Aufarbeitung der Schulhistorie betraut, den Namen mal wieder bei einem großen Online-Auktionshaus eingab. Auf einmal spuckte der Rechner etwas aus. Ein altes Foto, das Willms in den Farben seiner Göttinger Studentenverbindung, dem Corps Hildesco-Guestphalia, zeigte. Wiggers schlug sofort zu, 25 Euro zahlte er. Ein Schnäppchen. Der Händler wusste nicht, dass er da auf das Bild eines späteren Bürgermeisters, über den es bislang keinerlei Bilddokument gab, zum Verkauf anbot. So gesehen gelang dem Gymnasium ein echter Schnapper. Und das Stadtarchiv profitiert ebenfalls, weil Archivar Christoph Brunken das Bild übereignet bekommt.

Es ist ein weiteres Puzzlestück, das sie eingesammelt haben. Und die Forschungen werden fortgesetzt. Auch das Buch „Delmenhorster Lebensbilder II“ von Ex-Stadtarchivar Werner Garbas und WESER-KURIER-Redakteur Frank Hethey zeigt, dass noch einige biografische Lücken geschlossen werden können. Geboren wurde Otto Georg Hermann Willms am 17. Juli 1866 als Sohn des Weinhändlers Onko Emmius Willms und seiner Frau Johanne Rosaline Henriette in Jever. Nach dem Abitur am Mariengymnasium studierte er in Göttingen, München und Berlin Rechtswissenschaften, bevor er ab 1896 zuerst in Butjadingen und dann in Westerstede erste Verwaltungserfahrung sammelte. 1898 schließlich bewarb er sich in Delmenhorst – unsicher, ob er gesund genug für den Job ist.

Zwar sah ein Arzt keine Gründe, warum Willms nicht gesund genug sein könnte, doch das war ein Irrtum. Seinen Dienstantritt am 1. Januar 1899 verschob er aus gesundheitlichen Gründen bereits, und auch später in seiner Dienstzeit fiel er immer wieder aus. „Wobei er wohl auch vom Krankenbett gearbeitet hat“, erzählt Brunken. Dass die Stadtgeschäfte trotzdem im Sinne des zwar wohl bürgerlich-konservativ geprägten Wilms im Sinne des Aufbruchs fortgeführt wurden, lag an Willms‘ talentierter rechter Hand, einem junger Assessor aus Oldenburg, wie Hethey schreibt, ein gewisser Erich Koch, nicht nur Willms Nachfolger nach dessen Tod durch seine Tuberkulose-Erkrankung am 24. März 1901 mit 34 Jahren, sondern in der Weimarer Republik auch Innen- und Justizminister.

In seiner sehr kurzen Amtszeit erreichte Willms einiges für die Stadt, führte sie erfolgreich in das neue Jahrtausend. Er leistete die Vorarbeit für die Anerkennung Delmenhorsts als Stadt erster Klasse, zudem setzte er sich dafür ein, dass Delmenhorst auch eine höhere Schule erhielt. „Er war derjenige, der das Thema angepackt hat“, sagt Brunken. Die Regierung in Oldenburg hatte dafür keinen Sinn, warum brauchte eine Arbeiterstadt eine höhere Schule? Doch Willms setzte sich durch, neben der Bürgerschule (der heutige C-Trakt des Gymnasiums) entstand eine Realschule, heute das Gymnasium an der Willmsstraße. 1898 begannen die Bauarbeiten für das Haus, das sie im Willms A-Gebäude nennen, A wie alt. „Die Schule sollte so gebaut werden, dass sie eine Zierde für die Stadt ist“, erzählt Wiggers. Weil sie architektonisch so gelungen war, zierte das Gebäude zahlreiche Postkarten. Auch so ein Motiv, nach dem Wiggers immer mal wieder im Internet Ausschau hält. Und ein paar Exemplare solcher Postkarten hat er bereits erworben. Allerdings ist von der einstigen Pracht mit den kleinen Türmchen nicht mehr viel erhalten. 1942 wurde das Gebäude von einer Bombe getroffen und weitestgehend zerstört. „Nur einen Monat nach Willms‘ Tod wurde der Weg neben der Schule bereits in Willmsstraße umbenannt“, erzählt Wiggers. Was wohl auch ein Ausdruck dafür war, welchen Stellenwert Willms im Magistrat genossen haben muss.

Dass das Leben des Bürgermeisters immer noch einige unentdeckte Facetten aufweist, zeigt eine kleine Notiz, die Archivar Brunken in der Personalakte gefunden hat. Sie datiert aus dem Jahr 1925, demnach hat ein von der Stadt beauftragter Gärtner Willms Grab auf dem neuen evangelischen Friedhof in Ordnung gebracht. „Das zeigt, dass Geschichte etwas Lebendiges ist“, sagt Brunken. Denn bisher war der Forschungsstand gewesen, dass Willms angeblich anonym bestattet worden war. Dass auch Geschichtsschreibung ständig im Fluss ist, dass nichts, was geschrieben steht, Wahrheit sein muss, wollen sie am Willms den Schülern gern vermitteln. Dafür wollen sie die Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv ausbauen, um Geschichte mit Hilfe der Originaldokumente erfahrbarer zu machen.