Gymnasium an der Willmsstraße

Quartalsbericht 1: Erste Eindrücke aus Taiwan

von admin |

Seit über einem Monat bin ich jetzt in Taiwan und es ist Zeit für einen ersten Zwischenbericht. Es mag wenig überraschend sein, dass die taiwanesische Kultur sich in vielerlei Hinsicht von westlichen Kulturkreisen unterscheidet, und ich werde einige auffällige Kontraste beschreiben.

Der erste Eindruck eines ankommenden Austauschschülers ist der eines herzlichen, willkommen heißenden Empfangs am Flughafen. Wahre Menschenmassen erwarteten die ankommende Schülerschar mit Begeisterung, und nach der Begrüßung werden auch sogleich zahlreiche Fotos in allen denkbaren Konstellationen geschossen. Hierbei wird einem bereits klar, dass das Tempo des alltäglichen Lebens in Taiwan ein anderes ist als in einer bescheidenen deutschen Kleinstadt wie Delmenhorst. Verschiedenste Leute reden auf einen ein, und vieles geschieht gleichzeitig.

Und dieser Eindruck bestätigt sich, sobald man in der Hauptstadt selbst, Taipei, ankommt. Der chaotische, extrem Motorroller-lastige Verkehr, der Lärm, die unzähligen Läden in jeder Straße und Menschenmengen rund um die Uhr ist nicht unbedingt das, was ich gewohnt war. Erwähnenswertist auch die Luft, die sich durch eine starke CO2-Überbelastung und eine bedrückende Feuchtigkeit auszeichnet. Die hohe Luftfeuchtigkeit und Temperaturen, die zumindest im ersten Monat meines Aufenthaltes konstant die 30°C überschritten, waren äußerst schweißtreibend. Anfang Oktober ist das Wetter jedoch richtig angenehm, und es tut gut, aus der Heimat von Temperaturen im einstelligen Bereich zu hören, während wir hier noch immer über 25°C haben!

Meine Erfahrungen mit den Taiwanesen fielen bislang sehr positiv aus. Sowohl meine Gastfamilie, die aus meinen Gasteltern sowie zwei älteren Gastschwestern (mein Gastbruder ist für ein Jahr in Spanien) besteht, als auch meine Schule sind äußerst herzlich, offen und zuvorkommend. Ich habe das große Glück, dass meine erste Gastfamilie recht vernünftig Englisch spricht, sodass sich die Kommunikationsschwierigkeiten zu Beginn in Grenzen hielten. Auch in der Schule finden sich Lehrer und manche Schüler, die des Englischen mächtig sind, doch in meiner Klasse, die ungefähr einer deutschen 10.Klasse entspricht, halten sich der meisten Schüler Fähigkeiten diesbezüglich in Grenzen. Dennoch wurde ich herzlich empfangen und habe einen sehr positiven Kontakt zu meinen Mitschülern, die allerdings zwei Jahre jünger sind als ich (nicht, dass ich ein Problem mit jüngeren Schülern hätte). Was den Schulempfang betrifft, war ich leicht konsterniert, als ich mich vor rund 3000 Schülern auf Chinesisch vorstellen durfte, doch obwohl mich bestimmt niemand verstanden hat, war die Schule zufrieden.

Nun soll man keineswegs den Eindruck gewinnen, ich wollte in Taiwan nur Englisch sprechen, so wie es kurioserweise mein amerikanischer Foreign Teacher, der seit fast zehn Jahren in Taiwan lebt, handhabt. Inzwischen kann ich schon einigermaßen mit meiner Familie Chinesisch sprechen und ich versuche, meinen Chinesischgebrauch sukzessive zu erhöhen. Doch aller Anfang ist schwer, insbesondere bei Chinesisch: Am Anfang verstand ich bis auf meinen chinesischen Namen 呂彥德 und einige wenige Kommandos im Grunde nur Xing-Xang-Xong, was mir die Gelegenheit gab, mich in die Haut eines Hundes zu versetzen. Das kann natürlich frustrierend sein, doch es ist dafür umso ermutigender, dass man allmählich Fortschritte feststellt. Dazu tragen zahlreiche Stunden in Chinesisch sowie taiwanesischer Kulturunterricht ebenso bei wie der häusliche Kontakt mit der Gastfamilie oder taiwanesischen Mitschülern. Zudem habe ich einen taiwanesischen Freund, der auch mein Sprachaustauschpartner ist, d.h. er bringt mir Chinesisch und ich ihm Deutsch bei.

Man stellt schnell fest, dass die taiwanesische Gesellschaft im Vergleich zur deutschen eine deutlich höhere Homogenität aufweist. Das schlägt sich auch in der Kultur nieder: Als ‚Weißer‘ ist man eine deutlich sichtbare Minderheit und insbesondere für taiwanesische Kinder eine Attraktion. Es braucht wirklich nicht viel mehr als zu sagen, dass man Fahrrad fahren kann, um die Mengen in anerkennendes Staunen zu versetzen. Auf die Dauer ist dieses ständige Minoritätsbewusstsein lästig, wird man doch gewissermaßen diskriminiert. Es ist nicht dieselbe Art von Diskriminierung, die in Deutschland das Problem ist. Dennoch wird es einem Weißen in Taiwan äußerst schwer fallen, jemals einen anderen Beruf als Englischlehrer auszuüben, und wenn ich etwas auf Chinesisch bestelle, dann wird mir auf Englisch geantwortet, selbst wenn dieses Englisch noch schlechter ist als mein Chinesisch. Mein Gast-Rotaryclub, der Club Taipei Metro West, hat mich ebenso wie meine Gastfamilie warm empfangen und sich als sehr gastfreundlich erwiesen. Bislang bin ich der einzige Austauschschüler

in meinem Club und soll einmal im Monat das Club Meeting besuchen und einen Vortrag auf Chinesisch über meinen bisherigen Aufenthalt halten. Bisher habe ich zwei dieser Meetings besucht. Auf dem ersten habe ich mich noch größtenteils auf Englisch vorgestellt und die Flaggen mit dem Club-Präsidenten ausgetauscht, mein zweiter Vortrag gelang mir schon auf Chinesisch. Die hiesigen Rotarier haben einige interessante Rituale, so wird zunächst auf Taiwanesisch gesungen, dann gibt es ein kurioses Lachritual gefolgt von allgegenseitigem Händeschütteln und einem Gruppenfoto. Ich verstehe nicht wirklich etwas, zumal die Rotarier einen bunten Mix aus Chinesisch und Taiwanesisch sprechen. Ich komme jedoch in den Genuss vieler traditioneller taiwanesischer Speisen. Der Jugenddienstbeauftragte meines Clubs sowie auch mein Counselor machen einen sehr netten Eindruck, wobei letzterer nicht so gut Englisch spricht und ich seine Hilfe bis dato auch noch nicht gebraucht habe, da meine Gastfamilie mir bei allen Problemen helfen konnte. Abgesehen von den regulären Meetings wurde ich von meinem Club zum taiwanesischen Mondfest eingeladen und Rotary ermöglicht mir, bald für ein Wochenende den rotarischen Freundesclub auf der taiwanesischen Insel Kinmen zu besuchen. Mit meiner Gastfamilie durfte ich schon einige Reisen in andere Regionen Taiwans unternehmen. Kürzere Besuche führten mich nach Miaoli, Taoyuan und Yilan. Hervorzuheben ist die Teilnahme am SunMoonLake-Festival mit meiner Gastfamilie, dem Schwimmverein und zwei anderen Austauschschülern. Das Festival bestand im Wesentlichen darin, dass unzählige Schwimmer am 16.09.18 den Sun Moon Lake, den größten See Taiwans in Nantou, durchquerten. Hierbei musste man die Distanz von ca.3 Kilometern nicht wirklich durchschwimmen, da jeder mit einem roten Rettungsbalken ausgestattet war. Es gab daher eigentlich kein Risiko, doch Teil der taiwanesischen Kultur ist auch eine große Angst und in meinen Augen übertriebene Vorsicht im Hinblick auf die Gesundheit, insbesondere bei Sportveranstaltungen. An taiwanesischen Stränden z.B. kann man nicht weiter als hüfttief ins Wasser gehen, und für Veranstaltungen wie dieses Festival muss ein hoher bürokratischer Aufwand betrieben werden. Der Sun Moon Lake ist jedenfalls von einer atemberaubenden Landschaft umgeben und es ist schon ein besonderes Gefühl, mitten in diesem großen See zu schwimmen. Eine weitere Reise führte uns für ein Wochenende in den Westen Taiwans, genauer gesagt nach Changhua, Yunlin und Chiayi, wo ich einen tieferen Einblick in die taiwanesische Tempelkultur gewinnen konnte. Gegenstand der Festlickeiten in verschiedenen Tempeln war der gegenseitige Besuch taiwanesischer Götter, der von aufwendigen Tanzinszenierungen und vielen kleinen Ritualen begleitet wurde.

Ein wesentliches Merkmal des taiwanesischen Sozialverhaltens macht die Sorge um Gesichtsverlust jeglicher Art aus. Daraus ergeben sich Verhaltensweisen, die westlich denkenden Menschen unverständlich sind. Taiwanesen widerstrebt es, besonders zwischenmenschliche Probleme direkt anzusprechen oder auszudiskutieren. Hingegen wird viel hinter dem Rücken und über Umwege versucht, Probleme zu lösen. Meiner Erfahrung nach führt diese Art dazu, dass viel mehr Menschen mit einem Problem konfrontiert werden als nötig, was ich als äußerst lästig empfinde. Es ist anstrengend, dass z.B. die Schule jedes noch so kleine Problem sofort der Gastfamilie und dem Rotary-Club mitteilt, welche es dann falsch verstehen und aus einem kleinen ein großes Problem machen. So musste ich meiner Gastfamilie schon mehrmals plötzlich Sachverhalte erklären, deren Unwichtigkeit mich zu der Annahme veranlasst hatte, sie wäre gar nicht darüber informiert worden.

Auch fällt mir schwer, dass man in vielen Situationen mit logischer Argumentation auf wenig Verständnis trifft. Ich bin sicher, dass die taiwanesische Abneigung Diskussionen und Argumentationen gegenüber von dem Bildungssystem herrührt, welches nach wie vor verglichen mit deutschem Schulunterricht hauptsächlich Frontalunterricht praktiziert. Oft kommt es vor, dass der Lehrer, in Taiwan i.d.R. mit Mikrofon ausgestattet, den Raum betritt und die fünfzig Minuten Unterricht gänzlich zu einem Monolog nutzt. Mündliche Beteiligung oder Gruppenarbeiten, geschweige denn Diskussionen sind nicht Teil des Unterrichts, was auch daran liegen mag, dass die Klassen grundsätzlich über vierzig Schüler fassen. Es fällt den allermeisten taiwanesischen Kindern schwer, sich eine eigene, differenzierte Meinung zu bilden und diese argumentativ zu verteidigen.

Zudem können die meisten Schüler keine Präsentationen in erforderlicher Lautstärke halten oder kritische Fragen stellen. Der Mangel an eigenem Sprechen im Englischunterricht führt meiner Ansicht nach auch dazu, dass viele Schüler nur gebrochen Englisch sprechen können, vor allem aber, dass sich kaum jemand zutraut, Englisch zu sprechen. Soviel zum taiwanesischen Schulsystem, welches der sonst progressiven Einstellung Taiwans nicht gerecht wird und hoffentlich, übrigens auch entsprechend der Forderung vieler Taiwanesen, bald Reformen erlebt.

Das war mein erster Quartalsbericht aus Taiwan. Zusammenfassend kann ich sagen, dass es bisher eine spannende Zeit mit vielen neuen Begegnungen und Erfahrungen ist. Ich habe mich schon gut in mein taiwanesisches Leben eingewöhnt und obwohl ich hier auf Dauer aus bereits geschilderten Gründen nicht leben wollen würde, gefällt mir mein Austausch bisher sehr gut und ich hoffe, dass er sich weiterhin so spannend und lehrreich gestaltet.

Jari Reuker, 02.10.2018, New Taipei City