Gymnasium an der Willmsstraße

Kung-Fu im Shaolin-Kloster

von admin |

Matthias Barth wird ab Februar das Kollegium des Willms verstärken. Wir gewinnen mit Herrn Barth einen Lehrer (Deutsch und Geschichte), der über viel internationale Erfahrung verfügt, die er durch viele Reisen und durch Tätigkeiten an deutschen Auslandsschulen erlangt hat. Er unterrichtete mehrere Jahre in Istanbul (Türkei) und Buenos Aires (Argentinien). Bis Ende Januar macht Herr Barth ein Sabbatjahr, das er auch zu einem Aufenthalt im Shaolin-Tempel in Kunming (China) nutzte.

Als Inspiration für kommende Abiturjahrgänge und als erste Aktion als Willms-Lehrer hat er über seinen Aufenthalt im Kung-Fu-Kloster einen Bericht geschrieben.

 

Yi, er, san…  Noch vor zehn Minuten lag ich auf meiner immer bequemer werdenden Holz-Matratze, nun stehe ich der Größe nach aufgereiht im Innenhof des buddhistischen Tuzhu-Tempels und warte auf die Erlaubnis, zum Frühstück gehen zu dürfen. Neben mir steht Björn (18 Jahre), der gerade die Schule beendet hat. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn er hat sich gestern den Kopf rasiert. Ich schaue ihn fragend an und er flüstert mir zu, dass es einfach praktischer sei. Eigentlich dürfen wir beim Line-up nicht reden. “Es passt hierher, zu den Mönchen. Alles ist so einfach.” Und der rasierte Kopf sei eine neue Erfahrung. Alleine ist er damit nicht, auch meine Haare sind nicht mehr da. Beim Zählen komme ich noch ein wenig ins Straucheln, 18, shiba, ist meine Zahl. Lily (19), Sacha (20) und Utsavv (16)  hingegen spulen das morgendliche Programm souverän ab. Seit mehreren Monaten schon ist der Tempel ihr Zuhause und sie sind damit meine großen Geschwister, wie wir hier sagen.

Sam (19) kam eine Woche nach mir an. Während ich nur für sechs Wochen bleibe, wird er für sechs Monate hier leben.

Wir zählen bis 21, alle sind da. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern sind hier eine Kung-Fu-Familie,  sagt unser shifu bei jeder Begrüßung von Neuankömmlingen. Und erstaunlich viele sind sehr, sehr jung. Im Gänsemarsch geht es zum Fa’ding-Tempel, gleich nebenan, wo es das Essen gibt. Sam erzählt mir, dass seine erste Woche ganz schön hart gewesen sei. Nun ja, das konnte ich durchaus sehen und meine erste Woche ist ja auch noch nicht lange her. “Jetzt ist es aber echt leichter geworden, mein Körper passt sich wohl so langsam an. Aber die erste Woche, man, das war brutal.” Sam ist hier, um seine chinesische Seite zu entdecken. Er ist halb britisch, halb chinesisch – aber eher westlich groß geworden. Das sei jedoch nicht der einzige Grund, wie er mir später in einem ruhigen Moment erzählen wird. “Nach der Schule hab ich ein wenig gejobbt, dann war ich auch mal ohne Arbeit. Ich war unzufrieden mit meinem Leben, irgendwie lief es nicht.“ Und gut für seine Gesundheit sei sein damaliger Lebensstil auch nicht gewesen. „Meine Mutter hat mir dann empfohlen, hierher zu kommen, Kung Fu zu lernen. Sie hat das früher selber gemacht.” Bereits nach einer Woche kann ich sehen, wie sehr sich Sam verändert hat. Sein Gang, seine Körperhaltung, alles an ihm wirkt energischer, kraftvoller. Er ist ausgeglichener, zufriedener und er lacht viel mehr.

Das Frühstück, das nun dampfend vor mir steht, war anfangs eher ungewohnt, Reis, Gemüse, Dumplings – das Essen hier ist rein vegetarisch und natürlich essen wir mit Stäbchen. Als wir anschließend draußen unsere Schüsseln spülen, verrät mir Sacha, dass er, seitdem er hier ist, noch kein Fleisch gegessen hat. “Und ich hab’s gar nicht bemerkt.” Björn, der hinzugekommen ist, rollt nur mit den Augen, er sei froh, dass es ihm so langsam besser geht. Er hatte anfangs so seine Probleme mit der Ernährung.

Nach dem Frühstück erledigen wir unsere morgendlichen Dienste, ich muss den Boden des Shaolin-Tempels fegen. Zum Glück sind Sacha und Utsavv mit dabei und erklären mir alles. Und das nicht nur hier, sondern auch beim Training. Gestern erst haben die beiden mir die erste Meihua-Form beigebracht. Ein komisches Gefühl für mich, ich bin so alt wie die beiden zusammen und unter anderen Umständen hätten sie meine Schüler sein können. Als ich sie darauf anspreche, grinst Utsavv und sagt: “Das Alter ist nur eine Zahl. Jeder hier hat das gleiche Ziel: seinen Kung-Fu-Traum!” Sacha lacht und nickt dabei. “Ich find’s toll, einen Lehrer auch mal privat kennen zu lernen.”

Dann endlich beginnt das Training, es ist 08.25 Uhr. Erst aufwärmen, dann Powerstretching. Wir machen gerade die Uhr. Ich liege auf dem Rücken und während Lucas (19) auf meinem linken Bein sitzt, schiebt Nicolás (18) mein rechtes immer weiter nach oben. Bei 90 Grad ist Schluss, der Schmerz brutal und doch geht es noch ein paar Zentimeter weiter. Nicolás ist mit mir angekommen, er bleibt aber für mindestens noch weitere vier Monate.

Nächstes Jahr wird er in Italien mit seinem Medizinstudium beginnen. Das letzte Schuljahr sei anstrengend gewesen und diese einjährige Auszeit tue ihm gut – und sie helfe ihm für später. Ich werde neugierig und will mehr wissen. “Nun, ich hatte das Gefühl, dass ich ein wenig mehr Disziplin in meinem Leben brauche. Mehr Ordnung.” Er wirkt ein wenig nachdenklich, während er noch immer mein rechtes Bein traktiert. Noch zehn Sekunden, ich kann eigentlich nicht mehr. “Irgendwie ist hier alles leichter, entspannter. Ja, ich fühle mich richtig glücklich!”, sagt er noch. Die zwei Minuten sind um, mein Schmerz lässt nach. Wir alle entwickeln hier ein ganz anderes Schmerzempfinden. Überall höre ich die Mitglieder meiner Kung-Fu-Familie stöhnen, und immer wieder ruft jemand: „Mehr, weiter, ja, so ist gut.“ Schmerz bekommt hier eine andere Bedeutung. Bevor wir Lucas’ Beine stretchen, sagt Nicolás noch, dass er sich auf unseren Unterricht über die traditionelle chinesische Medizin freue.

“Eine andere, ergänzende Perspektive auf Gesundheit würde unserer westlichen Sicht nicht schaden.” Nun ist Lucas dran.

Wenn ich ihn mir so anschaue, kann ich gar nicht glauben, was er mir gestern erzählt hat. Dass er nach der Schule nicht wusste, was er machen will. Dass er in Situationen war, in denen er sich hilflos fühlte, wie in Schockstarre. Und dass er viel geraucht hat im letzten Jahr. Er wolle das alles nicht mehr. Er wolle gesünder leben, fit sein, sich stärker fühlen. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass er sich dafür den richtigen Ort ausgesucht hat. Kung Fu ist mehr als nur Kampfkunst, Kung Fu ist eine Haltung, eine Philosophie, ein Ja zu einem gesunden Leben. Lucas bleibt nur für sechs Wochen hier, so wie ich. Als ich ihn frage, ob er wiederkommen wird, bejaht er ohne zu zögern meine Frage. Und er hat recht, dieser Ort passt zu ihm.

Nachdem wir uns mehr als zwei Stunden lang gedehnt haben, um unsere Körper zu öffnen, teilen wir uns auf: die, die mehr wollen und auch können, machen Akrobatik. Ich gehe lieber zum Qigong und spüre, wie die mir anfänglich so fremden Bewegungen allmählich gut tun. Nach einer kurzen Pause stehen wir wieder in Reih und Glied, zählen bis 21 und gehen zum Mittagessen. Jeden Tag werden mir die Abläufe vertrauter, die Uniform fühlt sich inzwischen angenehm normal an. Und das Essen schmeckt mir unglaublich gut, auch wenn ich meist nicht weiß, was es ist. Ich bin dran mit Bedienen, gehe durch die Gänge und schaufel Reis in die Schalen der Mönche und Nonnen, meiner Mitschüler und all der anderen, die dort sitzen.

Die anschließende Mittagspause habe ich anfangs zum Schlafen genutzt, nun erkunde ich aber meine neue Umgebung. Unser Tempel liegt im Altstadtbezirk von Kunming, viele touristische Läden, auch Kneipen, viel Streetfood und traditionelle Gebäude. Ich treffe zufällig auf Lily und sie nimmt mich mit zum Fußbad mit anschließender Massage. Sie wollte unbedingt mal nach China. “China ist anders. Weniger westlich. Und nicht so angesagt wie andere asiatische Länder.”

Ob sie vorher schon irgendetwas mit China zu tun gehabt habe, will ich wissen. Sie lacht. “Ich hab in einem China-Restaurant gearbeitet!” Lily ist unglaublich fit. Sie strahlt eine beeindruckende Ruhe aus. Deshalb bin ich etwas überrascht, als sie mir sagt, dass sie hier gelernt hat, selbstsicherer zu werden. “Ich bin hier offener geworden, präsenter. Die Interaktion mit anderen hilft mir ungemein.” Am liebsten würde sie jedes Jahr wiederkommen, für ein paar Monate.

Am Nachmittag können wir zwischen Sanda und Wing Chun wählen. Jeden Tag gibt es etwas anderes, wir lernen die ganze Bandbreite von Kung Fu kennen. Wortwörtlich bedeutet Kung Fu, irgendetwas durch harte Arbeit zu erreichen. Dem kann ich nur zustimmen. Nach dem Training haben wir auch noch ein wenig Unterricht in Mandarin und lernen die chinesische Kultur und die traditionelle chinesische Medizin kennen. Auch Meditation steht auf dem Programm.

Abends sitzen wir manchmal noch beisammen, trinken Tee und unterhalten uns. Oder wir kommunizieren mit unseren Familien und Freunden daheim. Als ich gerade versuche, eine VPN-Verbindung aufzubauen, um ein paar Bilder zu posten – das Internet hier ist nicht das, was ich gewohnt bin – kommen Sacha, Björn und Utsavv lachend in den Teeraum. Björn, der frischgebackene Abiturient, wirkt zufrieden. “Letzte Woche lag ich im Bett, nach einem harten Training. Und ich war einfach glücklich. Das Leben hier ist so simpel und so gut, einfach schön.” Utsavv ist erst 16 Jahre alt, was ich oft vergesse, denn er hat schon so viel erlebt. Er geht nicht mehr regulär zur Schule, sondern legt nur noch die Prüfungen daheim in Indien ab. Als Kind habe er viele Jackie-Chan- und Bruce-Lee-Filme gesehen und war begeistert. „Später jedoch war mein Leben nicht immer einfach, ich hab rückblickend viele falsche Entscheidungen getroffen – jetzt in einem Shaolin-Tempel Kung Fu zu lernen, das ist die Erfüllung meines Lebenstraums.” Sacha hat als Kind mit seiner Familie in China gelebt, er hat sich als Jugendlicher die chinesischen Schriftzeichen für Shaolin auf den Unterarm tätowieren lassen und wird bald derjenige sein, der am längsten hier im Tempel ist. “Wenn du dich unsicher fühlst, nicht verstanden, wenn du gestresst bist – dann komm hierher. Aber du musst wollen, du brauchst ein Ziel, einen Traum.”

Ich schaue mir diese drei jungen Menschen an, denke auch an Lucas, an Lily, an Nicolás und an Sam. Ich trinke meinen Tee aus und bin mir sicher, dass sie alle ihren Weg gehen werden. Vielleicht nicht immer den geraden, den direkten. Aber ihr Weg hat sie bereits hierher geführt und dies ist für sie und auch für mich der richtige Ort zur richtigen Zeit.

Für weitere Informationen steht Matthias Barth ab Februar gerne zur Verfügung – er verrät dann auch gerne die Internetdomain des Klosters.

 

Lily, 19 Jahre alt, aus Byron Bay, Australien, seit 4 Monaten hier, bleibt noch weitere 2 Monate

 

Nicolás, 18 Jahre alt, aus Varese, Italien, seit 5 Wochen hier, bleibt noch weitere 4 bis 6 Monate

 

Lucas, 19 Jahre alt, aus Aberdeen, Schottland, seit 5 Wochen hier, bleibt noch eine Woche

 

Utsavv, 16 Jahre alt, aus Pune, Indien, seit 4 Monaten hier, bleibt noch 1,5 Jahre

 

Sam, 19 Jahre alt, aus Hong Kong, China und Manchester, England, seit einem Monat hier, bleibt noch 5 Monate

 

Sacha, 20 Jahre alt, aus dem Vallis, Schweiz, lebt in München, seit 8 Monaten hier, bleibt noch 4 Monate oder länger

 

Björn, 18 Jahre alt, aus Stolberg bei Aachen, Deutschland, seit 3 Wochen hier, bleibt noch 8 Monate